Ich hatte Ihnen ja angekündigt, die Geschichte zu erzählen, die neulich im „Pester Lloyd“ in einem Leserbrief veröffentlicht wurde. Doch bevor ich damit überhaupt beginne, lassen Sie mich nochmals dies sagen: Budapest ist im Allgemeinen eine sichere Stadt, in der sie bestenfalls zu häufig angequatscht werden – wegen vieler Dinge, von der Bitte um 100 Forint über den betrügerischen Geldtausch bis hin zum Angebot, eine Bohrmaschine preiswert erwerben zu können.
Doch zurück zur Geschichte: Schauplatz ist häufig die Váci utca, die Touristenstraße in Budapest, die wahrhaftig sehr unterschiedlich beurteilt wird. Sie ist, was sie ist – eine Straße, durch die viele Touristen gehen, mit einigen Engstellen, an denen man aufgefordert wird, doch bitte ein preiswertes Touristenmenü zu verspeisen, einem echten Jugendstil-Blumenladen und einigen skurrilen Geschäften, die man hier eigentlich nicht vermuten sollte. Es ist aber auch die Gegend, in der einige Lockvögel warten – und die sagen natürlich nicht: „Ich bin ein Lockvogel“, sondern geben sich als ungarische Touristinnen aus, die sich in der Stadt nicht gut auskennen.
Halten wir fest: Es sind meist typisch budapesterisch gekleidete, bisweilen verführerische, aber nicht ordinär wirkende Frauen. Sie treten in der Regel zu zweit auf, und sie geben sich als Touristinnen aus – die meisten von ihnen sind intelligent und sprechen ausgezeichnet deutsch oder englisch.
Die typischen Opfer sind Männer, die genau aussehen, wie Touristen üblicherweise aussehen, und die sich genau dort auffällig verhalten, wo sich Touristen eben auffällig verhalten – zum Beispiel bei der Suche nach einem Speiselokal oder beim Wunsch nach Amüsement. Als typischer Tourist weist man sich am besten durch unangemessene Kleidung und einen Reiseführer in der Hand aus, als Mann richtet man am besten die Augen auf die von Budapesterinnen üblicherweise bereitwillig zur Schau gestellten Brüste.
Nun müssen die betrügerischen Damenpaare nur noch ihre Herren treffen, was mit dem Stadtplantrick absolviert wird: Touristen haben immer einen, und also kann man sie nach einer Straße fragen, in denen sie ein Lokal suchen. Das wird dann auch gefunden – weit entfernt von der Fußgängerzone, versteht sich – und weil die Damen so süß zwitschern wie die Vögelchen und die Brüste verführerisch glänzen, fragt sich kein mann mehr. Warum diese Damen aufgerechnet in der Váci utca ein Lokal suchen, das offenbar am anderen Ende von Budapest liegt.
So ist es auch den beiden Herren in Budapest gegangen, die sich jetzt beschwerten – und die haben noch Glück gehabt, dass sie mit den beiden Damen nicht auch noch in eine Bar gegangen sind – dann wäre eine ähnliche Schau abgelaufen – nur dass die vermutlich noch teurer geworden wäre.
Wie es funktioniert? Ganz einfach. Die Damen sind Lockvögel, und das Lokal, um das es geht, hat relativ humane Preise für Speisen, aber außerordentlich hohe für Getränke. Aufgabe der Damen ist es, die Herren zum Getränkekonsum zu animieren, wofür ihnen hernach die Rechnung präsentiert wird – das Internet ist im Übrigen voll von einschlägigen Berichten.
Also, nochmal in aller Kürze:
Erstens: Budapesterinnen quatschten keine Männer an – und weibliche Touristinnenpaare auch nicht. Wenn diese wirklich eine Straße suchen würden, würden sie ein Ehepaar oder eine Frau fragen – keine Männer.
Zweites: Wer mit Reiseführer und Stadtplan, unpassender Kleidung und mit einer vor den Bauch gebundenen Kamera herumläuft und große Augen auf Budapester Frauen macht, outet sich als Dummtourist. Er ist das geborene Opfer.
Drittens: Fast alle Budapester Wirte sind ehrliche Leute, die korrekt abrechnen. Gehen Sie in eines der Lokale am Rande der Touristenwege, in das Einheimische gehen, in Einkaufszentren oder in internationale Hotels zum Essen – da liegen sie nie falsch. Bitte beachten Sie: Budapest ist nicht billig. In guten Lokalen werden Sie als Paar schnell 25.000 Forint (100 Euro) los, wenn ein guter Wein dabei sein soll.
Viertens: Budapesterinnen haben immer recht. Wenn sie am Tisch eines Mannes sitzen und sagen, sie seien eingeladen, dann sind sie auch eingeladen.
Fünftens: Werfen Sie mal einen Blick auf die Warnungen der US-Botschaft in Budapest. Die Leute wissen, wovon sie reden.